Ich leide unter Selbstzerfleischung. Ich mache klar Fortschritte, meine Angst nimmt ab bzw sie verschiebt sich auf Situationen, die früher klar ausserhalb meiner Reichweite waren. Das passiert, weil ich mich permanent aus meiner Komfortzone pusche.  Verstandesmäßig ist mir klar, daß die Schmerzen unnötig sind, denn ich tue ja nichts Ungesetzliches und sonstwie Schlimmes. Nur ist da immer die Stimme in meinem Kopf, die sagt: “Du bist viel zu alt , zu hässlich für sowas; Du machst  Dich unmöglich, zum Gespött aller Leute” usw usf. Ich muß dazu sagen, daß das Leitmotiv meines Vaters immer und stets die Frage war “Was sollen oder was werden oder könneten die anderen Leute dazu denken?!” Und das hat sich tief in mir eingefleischt. Bei nüchterner Betrachtung grenzt das an Psychose. Es ist das Rezept, sich das Leben selbst zur Hölle zu machen. Der Gegenstandpunkt dazu wäre “Es ist wie es ist; es gibt keine Urteile; Urteile sind subjektiv und existieren nur in den Köpfen der Menschen. Jeder sucht sie sich selber aus. Aber sie haben keine Macht” Folglich haben Urteile anderer keine wirkliche Auswirkung auf mich. Sie sind relativ. Ich muß sie mir nicht zu eigen machen. Das ist meine freie Entscheidung.

Ich schreibe dies noch unter der Nachwirkung des gestrigen Tages. Ich war in einem Einkaufszentrum, der Mädels wegen, nicht um einzukaufen. Ich bin sehr zögerlich und deswegen hab ich meinen Schwerpunkt zur Zeit auf speed gelegt, also Frau wahrnehmen und falls sie mir gefällt sofort zu ihr hingehen. Verdammt hart, muß ich sagen. Ich habe den starken Drang erst mal wegzulaufen, eine oder zwei Runden zu drehen sozusagen. Und wenn ich mich dann scheinbar gefasst habe, ist sie schon lange verschwunden oder “die Situation passt nicht mehr” und andere Ausreden.

Im Center gibts einen Telekom-Laden. Im Vorbeigehen hatte ich dort  kurz , weit hinten in der Ecke eine sehr attraktive Blondine entdeckt. Keine Kunden bei ihr. Aber statt sofort reinzustürmen drehe ich noch eine große Runde durch das ganze Center, obwohl mir meine Erfahrung sagt, es wird nicht besser, denn die erste Gelegenheit ist immer die Beste. Ich komme wieder. Zu der Zeit läuft die Bundesliga und auf einem Bildschirm links neben dem Eingang wird das Spiel Wolfsburg gegen Bayern übertragen. Ich habe einen Vorwand stehenzubleiben. Mittlerweile sitzt sie am Tresen direkt rechts hinterm Eingang. In ihrer Nähe stehen vier männliche Kollegen, alle junge geschniegelte Verkäufertypen, alle nicht beschäftigt. Es steht 4:1 für Bayern, das gefällt mir als Bayern-Fan. Als das 5:1 fällt marschier ich auf sie zu. Der Kollege links neben ihr will mich abfangen. Ich ignorier ihn, weil ich mit ihr reden will. Ich sage zu ihr “Das ist ein vedammt guter Fernseher, wo gibts den zu kaufen? Sie hat das Spiel auch verfolgt und ich meine das natürlich im Spaß, also daß es an der Qualität des Fernsehers lag, daß die Bayern so viele Tore schossen. Ok. ich weiß ich sollte Fremde mit meinem Humor nicht überbeanspruchen. Sie nimmt meine Frage ernst, steht auf und versucht den Hersteller  zu identifizieren, von ihrem Sitz aus. Ich geb ihr zu verstehen, daß es Spaß war. Dann sage ich dummerweise das was man einer schönen Frau nicht sagen sollte, ich weiß, aber der Streß der Situation ” Ich finde, Sie schauen ziemlich hübsch aus” Sie verdreht die Augen, als könnte sie es nicht mehr hören. Ihr Kollege pflichtet mir bei “Sie ist ja auch ne Hübsche” Dann ich wieder “Ich war mir nicht so sicher, aber wenn Sie das auch so sehen”. Sie verdreht wieder die Augen. Dann Abmarsch. Später fällt mir ein, ich hätte ihr sagen sollen, daß diese “Qualen” für sie spätestens mit 35 ein für alle Mal vorbei wären. Und das nehm ich jetzt in mein Repertoire auf für ähnliche Anlässe. Was mir nämlich nicht gefiel war, daß sie zweimal nicht in der Lage war höflich Dankeschön zu sagen. So reagieren eher 13-jährige schlecht erzogene Gören.

So , und danach ging der Terror in mir los. Nicht nur kam der Vorwurf, daß ich mich komplett lächerlich gemacht hätte vor der versammelten Mannschaft, die damit natürlich zum Tratschen hatte für den Rest des Tages, sondern auch weil ich mich von ihr gerügt fühlte, weil ich etwas getan hatte, was sie offenbar nicht mag, und dann dazu noch als älteres glatzköpfiges Semester. Absolut unmöglich. Das halt ich mir bis heute vormittag  vor.

Nichtsdestotrotz versuchte ich weiterzumachen. Ähnlich wie ein Skispringer, der einen schweren Sturz erlebt hat, möglichst schnell wieder springen sollte, um die damit zusammenhängenden negativen Gedanken nicht übermächtig werden zu lassen, zwang ich mich, mindestens noch eine Frau anzusprechen. Die fand ich auch , wie sie in grade in einen Lebensmittelmarkt reinging. Eine sehr attraktive Blondine um die 30. Ich ging hinterher, hätte, weil sie am ersten Regal stehenblieb, sofort hingehen können. Aber nee, ich mußte erst mal wieder Anlauf nehmen, verlor sie aus den Augen und als ich halbherzig ans Aufgeben dachte, begegnete ich ihr bei den Süßigkeiten. Sie reagierte weitaus freundlicher.

Die ablehnende Reaktion der Ersten ist aber im Grunde auch eine positive Erfahrung, nicht nur weil sie mich dazu bringt , besser zu kontern, sondern auch um gelassener zu werden gegenüber irgendwie gearteteten Formen von Widerstand.

Und last not least: wie ich früher schon schrieb, wenn ich an bei den Mädels Erfolg haben will, bleibt mir nichts anderes übrig, als mich so zu akzeptieren wie ich bin.

 

Kafka_Motto

Soziale Freiheit definiert als die von mir gewünschte Art, mit anderen Menschen  interagieren zu können. Ganz nüchtern, rational. Keine Ausreden mehr. Die Angst oder besser gesagt, das Angstgefühl ist ist definitiv kein Maßstab. Warum? Weil Angst in ihrer reinsten Form, also als Angstgefühl erlebt nur selten auftritt, jedenfalls bei mir. Und wenn sie auftritt, dann weiß ich, daß ich im Grund fast so gut wie gewonnen habe. Eigentlich ist sie die schwächste Form von Widerstand, sozusagen der letzte schwache Versuch, meines Egos mich zu schützen. Dieses Hindernis ist leicht zu überwinden.

Viel schwieriger zu identifizieren und damit zu attackieren sind die unzähligen verdeckten Formen der Angst. Z.B. Lustlosigkeit, Müdigkeit, Erschöpfung, zu glauben, daß man eine soziale Norm verletzt und dafür von anderen bestraft werden könnte. Wie bei mir, dem eine Stimme im Hinterkopf ständig sagt “Du bist viel zu alt dafür, das hättest Du schon vor langer Zeit erledigen sollen.” Oder “Die Leute lachen Dich aus”, “Du machst Dich zum Gespött der Leute und womöglich merkst Du es gar nicht mal.” “Du solltest Dich nicht so oft für Frauen interessieren, andere Männer tun das doch offenbar auch nicht, leg mal ein paar Wochen Pause ein”. Frauen denken “Ach nee, der schon wieder! Der nervt” wenn sie mich sehen. Oder, daß ich glaube, Frauen sähen in mir einen Psycho, vor dem sie sich in acht nehmen müssen. Deswegen achte ich auch immer darauf, ob welche weglaufen, wenn ich komme, um das quasi als Beweis zu sehen. Oder “Frauen finden Dich abstoßend, sie empfinden Deine Aufdringlichkeit als Belästigung”

Weiters “Ich muß geschickt vorgehen, damit mein Interesse nicht auffällt und sich rumspricht” Das heißt zum Beispiel, daß eine Annährung nur “perfekten Umständen” und nur einmal passieren kann. Falls irgendwas in diese Phase schiefgeht, die Frau “meine unlautere Absicht” schon aus der Ferne erkannt, muß ich wieder längere zeit (Tage/Wochen) warten, bis sie den Vorfall vergessen hat. Außerdem könnten mich ja auch noch andere beobachtet haben.

Mir ist aufgefallen, daß ich mein Handeln oder , in den meisten Fällen, mein Nichthandeln , von tausenden kleiner Umstände abhängig mache. Das macht meinen Fortschritt so mühsam. Es führt leider auch dazu, daß ich selten mehr als eine Frau pro Tag ansprechen und es dauert meist sehr lange, bis sich genügend inner Druck aufgebaut hat, daß ich meinen inneren Gegnern sozusagen den Stinkefinger zeigen. Und es führt leider auch dazu, daß ich eine Begegnung übergewichte, ungewollt natürlich, daß ich überanalysiere etc und dabei die Widerstände gestärkt werden. Viel besser wäre es natürlich mehrere Kontakte pro Tag zu haben. Damit hätte ich auch weniger mit der Problematik zu tun, daß ich mich stets aufs Neue wieder reinkämpfen muß.

Dennoch, um mit einer positiven Note zu schließen: Die in der Überschrift genannte Regel konsequent angewendet, sollte mich dabei unterstützen. Denn der Ansatz, daß ich keinerlei strafwürdige Normverletzungen begehe, sondern mich bisher immer nur zum Opfer meines überborderdenden Kopfkinos gemacht habe, sollte mir helfen, ein paar Gremlins zu grillen.